Jakobsweg Erfahrungen & Camino Notizen
Der Weg nach Santiago – 2.500 km Debugging am eigenen System
2.500 Kilometer von Crailsheim nach Santiago.
Zu Fuß. Ein Rucksack. Und genug Zeit, um mein eigenes Betriebssystem einmal komplett neu zu starten.
Das hier ist der erste Blogeintrag auf Hart-bit.de – und auch wenn es nach Reise klingt: Für mich war es vor allem ein Projekt. Ein Langzeit-Stresstest für Körper, Kopf und Haltung. Und ja: auch karrieremäßig relevant, weil ich unterwegs Dinge gelernt habe, die später im Business den Unterschied machen: Klarheit, Ausdauer, Fokus, Fehlerkultur – und der Umgang mit mir selbst, wenn keiner zuschaut.
Warum ich losgelaufen bin
Seit dem Fachabitur 2012 trage ich den Jakobsweg im Kopf. Ein damaliger Klassenkamerad ist den Camino Francés gelaufen – und seitdem tauchte das Thema immer wieder auf. Wie ein Ticket im System, das man jahrelang auf „später“ schiebt.
2025 stand sowieso ein großes Upgrade an: Umzug nach München, Neustart, neue Struktur. Und wenn ich etwas mache, dann nicht halb. Viele starten den Jakobsweg irgendwo „praktisch“ – ich wollte ihn klassisch starten: vor der Haustür. Also: Crailsheim → Santiago.
Packliste vs. Realität
Der Plan war April. Das Problem: zwei Jahreszeiten (Frühling + Sommer) in einen Rucksack pressen, ohne wirklich zu wissen, was man braucht. Dazu kam: wenig Camping-Erfahrung. Und wer schon mal versucht hat, in Deutschland „einfach so“ draußen zu schlafen, merkt schnell: Das ist weniger romantisch und mehr ein sehr direkter Kontakt mit Regeln, Blicken und der eigenen Unsicherheit.
Es war kalt. Teilweise schlief ich ohne Zelt draußen – nicht aus Drama, sondern weil es logistisch oft schlicht nicht ging, irgendwo „sauber“ aufzubauen. Rückblickend war das mein erster großer Lernpunkt: Man kann nicht alles mitnehmen. Man kann nicht alles absichern. Und am Ende muss man trotzdem laufen.
Deutschland & Elsass: Alleinlauf, und du bist dein eigener Gegner
Die ersten Wochen in Deutschland – und später im Elsass – war ich größtenteils allein unterwegs. Keine Gruppe. Keine Herberge. Kein „wir“. Nur ich, der Weg und meine Gedanken.
Und das ist der Teil, den viele unterschätzen.
Allein zu laufen heißt nicht automatisch Frieden. Oft heißt es: Konfrontation. Du hörst plötzlich alles, was im Alltag von Terminen, Gesprächen, Medien und Routine überdeckt wird. Deine Zweifel. Deine Muster. Deine alten Geschichten. Dinge, die du längst „geschlossen“ glaubtest, laufen wieder als Hintergrundprozess an.
Ich habe gemerkt: Man kann vor vielem weglaufen – vor Stress, Menschen, Verpflichtungen. Aber nicht vor sich selbst. Du nimmst dich immer mit. Und wenn du 20, 30 Kilometer am Tag gehst, wird aus „ich lenk mich ab“ irgendwann „okay, wir reden jetzt“.
Das war manchmal hart, manchmal befreiend – und oft beides gleichzeitig.
Frankreich: ein Feldweg, ein Schild, und plötzlich ist alles anders
Die erste Überquerung nach Frankreich war so besonders wie unspektakulär: ein einfacher Feldweg, ein paar Meter – und doch ein mentaler Schalter. Das erste Schild mit klarer Ausschilderung und einer konkreten Kilometerzahl. Und das Verlassen meiner Muttersprache.
Spätestens beim ersten Bäcker in Wissembourg war klar: Du bist raus aus deiner Komfortzone. Ich fragte, ob Deutsch oder Englisch geht – beides: nein. Zum Glück reichte mein Französisch für ein Croissant und ein pain au chocolat. Aber das Gefühl blieb: Du bist jetzt wirklich unterwegs. Nicht „auf Tour“, sondern in einem anderen Modus.
Dann ging es weiter durch die Weinberge im Elsass – über Straßburg bis Colmar.
Colmar → Le Puy: von Solo-Modus auf Netzwerk
In Colmar fuhr ich mit dem Bus nach Lyon und von dort mit dem Zug nach Le Puy-en-Velay. Dort beginnt einer der offiziellen französischen Pilgerwege – und dort war es für mich das erste Mal in einer Herberge. Zum ersten Mal traf ich andere Pilger.
Bis dahin war ich ungefähr 1,5 Monate allein gelaufen. Nur ich und meine Gedanken. In Le Puy änderte sich das schlagartig: Plötzlich Gespräche, Begegnungen, Gemeinschaft. Eine Art „Netzwerk“, das nicht aus Visitenkarten besteht, sondern aus geteilten Kilometern.
Die jüngeren Franzosen sprachen oft gutes Englisch, und ich bekam einen ehrlichen Blick in Kultur, Lebensentwürfe und Motivationen. Man ist zwar „allein unterwegs“, aber gleichzeitig hängt vieles am Netzwerk: wer dir Infos gibt, wer ein Pflaster teilt.
Pyrenäen: der Moment, der bleibt
Der Übergang über die Pyrenäen war einer dieser Momente, die man nicht künstlich groß machen muss – weil sie im Kopf sowieso bleiben. Wir starteten früh, um den Sonnenaufgang zu sehen. Die Aussicht: einmalig.
In Spanien schlief ich dann das erste Mal in einer kirchlich betreuten Großherberge mit gefühlt hundert Pilgern. Die Organisation war wild – und gleichzeitig faszinierend: Vorher reserviert man Betten per Telefon oder E-Mail, hier läuft vieles wieder über Apps und digitale Registrierung. Sogar auf dem ältesten Weg Europas ist IT plötzlich wieder Thema.
Meseta: 40 Grad, geradeaus, keine Ausreden
Nach den Pyrenäen kam die Meseta. 40 Grad. Unendliche Geraden. Kaum Schatten, kaum Nahrung. Das ist der Teil, der alles entromantisiert.
Und genau dort hatte ich Zeit für das, was im Alltag selten gelingt: Gedanken-Backup. Wenn du stundenlang nur läufst, räumt sich der Kopf auf. Nicht immer angenehm, aber effizient.
Nach León wurde es wieder „meins“: mehr Wald, mehr Höhenmeter, mehr kühle Luft. Ich bin kein Wüstenmensch. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen – mir fehlt dieses Grüne, dieser stille Schutz. Als es wieder bergiger wurde, hatte ich keine Angst mehr: Frankreich und die Pyrenäen hatten mich gut geformt. Der Aufstieg fühlte sich fast wie Erholung an.
In einer Nacht regnete es – und es fühlte sich an wie Heimat. Meine Motivation kam zurück. Aufgeben war da längst keine Option mehr.
Die letzten 100 km: Kilometergrind statt Magie
Je näher Santiago kam, desto voller wurde der Weg. Ferienzeit in Spanien, viele Gruppen, mehr Tempo, weniger Stille. Die letzten 100 km verloren für mich viel von dem, was vorher so spirituell war. Am Ende war es oft nur noch: Kilometer machen. Durchziehen. Ankommen.
Und dann: 25. Juli 2025 – Jakobstag. Santiago.
Ich war erleichtert und stolz wie noch nie in meinem Leben.
Warum das auf Hart-bit.de gehört
Ich kann hier nicht alles im Detail erzählen – das würde ein Buch werden. Aber dieser Weg war mehr als eine Reise: Er war der Beweis an mich selbst, dass ich große Systeme stabil durchziehen kann, auch wenn Bedingungen schlecht sind, Ressourcen knapp und der Kopf mal nicht mitspielt.
Ich bin dankbar für jede Begegnung, für jede Unterstützung von zuhause, und für alle Menschen, die mir unterwegs den Rücken gestärkt haben – und für die, die daheim den Rücken freigehalten haben.
Das war der Weg nach Santiago.
Und irgendwie auch der Weg zu einer klareren Version von mir.